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Flucht in die FreiheitMit dem Mut der Verzweiflung

Es sind Menschen wie Wolfgang Engels, damals 19 Jahre alt und ziviler Angestellter der NVA, die ihr Leben für die Freiheit riskierten. Kurz vor der Maiparade 1963 stahl er einen Schützenpanzer, fuhr einmal quer durch Ost-Berlin – und brach in Berlin-Treptow durch die Mauer. Der Panzer blieb stecken, die Grenzpolizei eröffnete das Feuer. Schwerverletzt gelangte Engels auf die andere Seite – eine sensationelle Flucht, die der Welt einmal mehr vor Augen führte, wie menschenverachtend das Regime in der DDR war.

Über 28 Jahre lang trennte die Mauer die Menschen. Sie kostete Hunderte das Leben. Über die Jahre wurde sie zu einer immer perfekteren Todesfalle ausgebaut, zu einem Hochsicherheitstrakt, in dem auf jeden Flüchtling scharf geschossen wurde. Jeder geglückte Fluchtversuch zog noch schärfere Sicherheitsvorkehrungen nach sich.

Zwischen 1949 und 1961 verließen etwa drei Millionen Ostdeutsche ihre Heimat und flohen zumeist über Berlin in den Westen. Die Fluchtbewegung nahm für die DDR eine Existenz gefährdende Dimension an. Bis Anfang August 1961 verließen 160.000 Ostdeutsche ihr Land. Vor allem junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte sahen keine Perspektive im SED-Staat. Die DDR stand kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. So entstand die Idee, den Aderlass mittels einer Mauer zu stoppen. Nach anfänglichem Zögern stimmte die Sowjetunion der Maßnahme zu.

In der Nacht zum 13. August riegelte der Osten die Sektorengrenzen zum Westen ab. Der Westen sah tatenlos zu. Noch ahnte keiner dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs, dass damit eine Tragödie ihren Anfang nahm. Noch hatten die Menschen Hoffnung, die Absperrung könnte nur eine Episode bleiben. Noch konnte sich keiner ausmalen, dass die Mauer jahrzehntelang wie eine klaffende Wunde Berlin und Deutschland durchschneiden sollte.

Die Mauer trennte Tausende Paare wie Klaus und Roswitha Köppen. Klaus lebte im Westen, Roswitha im Osten. Die Mauer zerstörte ihre Zukunftsplanungen. Was tun? Mit einem umgebauten VW Käfer wollte Klaus seine Verlobte in den Westen schmuggeln. Doch die Flucht scheiterte noch vor dem Grenzübergang an dramatischen Umständen: Ein Schlauch löste sich und Roswitha lief Benzin über den Rücken. Sie konnten unentdeckt umkehren, aber wie sollte Roswitha nun in den Westen gelangen?

Der Fluchtweg durch die Kanalisation war zu diesem Zeitpunkt versperrt; eine Flucht mit gefälschten Pässen – eine beliebte Fluchtmethode, bei der Tausende über die Grenzen kamen – kam nicht in Frage. So entschied sich Klaus Köppen für die vermeintlich sicherste Methode: die Flucht durch einen Tunnel. Zwischen 1961 und 1964 herrschte in Berlin regelrechte "Tunnelkonjunktur". Dutzende Tunnel wurden gegraben, von West nach Ost und Ost nach West. Gemeinsam mit anderen Fluchtwilligen grub Klaus Köppen aus Liebe zu Roswitha und seinem Töchterchen Simone monatelang eine unterirdische Röhre, die mit einer Länge von 270 Metern zum längsten Tunnel der Fluchtgeschichte werden sollte.

"Was ich baue, ist sicher", versuchte er Roswitha zu beruhigen, die um ihr Kind fürchtete. Unter einem Bahndamm zwischen Wedding und Prenzlauer Berg arbeitete Klaus Köppen monatelang an einem Tunnel in die Freiheit. Doch es war ein Verräter unter den Tunnelbauern – kein inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, aber ein Informant, der mit seinem westdeutschen Pass regelmäßig seine Frau im Osten besuchte. Der Lohn für seinen Verrat war die Ausreise seiner Frau. Der Tunnel flog auf.

Ausgerechnet West-Berliner Polizei beendete den Fluchtversuch der Köppens. Denn inzwischen herrschte politisches Tauwetter zwischen Ost und West. Passierscheinvereinbarungen machten die Mauer erstmals durchlässiger. Hunderttausende konnten nach Jahren ihre Angehörigen wieder sehen. In dieser Phase der ersten Annäherung waren spektakuläre Fluchten von der Politik nicht mehr gewünscht. "Die offiziellen und geheimen Gespräche sollten nicht gestört werden", sagt Professor Klaus Schroeder, ein führender DDR-Forscher. "Man wollte den Deckel darüber legen." So ging 1964 mit der gelungenen Flucht von 57 Menschen die hohe Zeit der Fluchttunnel von Berlin zu Ende.

Tunnelgräber galten in der DDR als Staatsfeinde. Auf sie wurde regelrecht Jagd gemacht. In einer erst kürzlich entdeckten "Tunnelkartei" des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit sind über 200 Versuche dokumentiert, die Mauer zu unterlaufen. Nur 19 waren erfolgreich. Die Stasi war erstaunlich gut informiert über die Fluchttunnel. Die Akten belegen, mit welchem Aufwand, aber auch mit welcher Gewalt sie und die DDR-Grenztruppen die zahlreichen Tunnelgräber verfolgten. Dennoch gelangten insgesamt über 250 DDR-Bürger unter der Erde "nach drüben". Berühmt wurde 1962 der "Tunnel 29", durch den 29 Menschen entkamen. Ihnen eiferten zahlreiche Fluchtwillige nach.

So auch die Müller-Brüder, die todesmutig eine U-Bahn kaperten und auf diese Weise in den Westen gelangten. Weil nicht alle Familienmitglieder mitkommen konnten, begannen sie in Berlin-Mitte, auf der Baustelle des Axel-Springer-Verlages, mit dem Bau eines Tunnels. Am 18. Juni 1962 flüchtete die Familie von Rudolf Müller Richtung Tunneleingang, als der DDR-Grenzsoldat Reinhold Huhn sie aufforderte: "Stehen bleiben oder ich schieße!" Die Situation eskalierte. Rudolf Müller schoss auf den Grenzsoldaten, der tödlich getroffen liegen blieb, während die Familie entkommen konnte.

Nach dem Fall der Mauer wurde der Tathergang noch einmal untersucht. War es Notwehr oder Mord? Rudolf Müller wurde "wegen Mordes" zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. "Es ist passiert", sagt Müller heute, "ohne dass ich es wollte, aber ich würde wieder einen Tunnel graben, um meine Familie zu mir zu holen. Aber ich würde niemals mehr eine Waffe anrühren."

Eine Woche nach den tödlichen Schüssen stiegen Dieter Hötger und Siegfried Noffke aus ihrem Tunnel. Sie wurden von einem Stasi-Spitzel erwartet, der sich als Fluchtwilliger ausgegeben und den Tunnel verraten hatte. Die Falle schnappte zu. Mehrere Gewehrsalven richteten im Keller ein Blutbad an. Siegfried Noffke erlag seinen Verletzungen. Dieter Hötger, der im Film zum ersten Mal über seine Flucht spricht, verschwand für Jahre im berüchtigten Stasi-Gefängnis Bautzen II.

Klaus Köppen hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Zweimal war er gescheitert – zum Glück! Denn ihm und seiner Familie sind dramatische Konsequenzen erspart geblieben. Nur ein halbes Jahr später durften Roswitha und Simone aus der DDR ausreisen. Sie sind bis heute eine glückliche Familie und froh, dass sie 1965 doch noch in die Freiheit gelangten.

Die Mauer sollte noch weitere 24 Jahre stehen. Doch solange es sie gab, solange suchten Menschen nach Wegen sie zu überwinden.

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